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Quote by Rafik Schami

“Aber was war das überhaupt, das Gedächtnis? Salman überlegte, schrieb auf, strich vieles wieder durch und fand, dass es zu simpel wäre, das Gedächtnis nur als Archiv zu betrachten. Es war viel mehr. Tage brauchte er, bis er das passende Bild fand: Das Gedächtnis ist eine unsichtbare Stadt. Die hat mehrere Vergnügungsviertel, Geheimverstecke, Reparaturwerkstätten aller Art, einen Friedhof, eine Leichenhalle, ein Krematorium, mehrere Tempel für Heilige, dunkle Gebiete, die man fürchtet und meidet, ein Museum, Verliese für Verhasste, Kühlräume, einen Heizkessel zum Aufwärmen alter Erlebnisse und Gärten, die gegossen, gepflegt oder vernachlässigt werden. Auch Supermärkte für glitzernden Schrott, Lügen und Legenden, die er in der Familie, Schule und Kirche für wahr gehalten und gespeichert hatte und die sein Denken beeinflussten.”

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Work

Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

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Author

Rafik Schami

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“Es gab einmal – Merken Sie, wie sich, von der Sonne an dieser Wand hervorgepresst, der Duft der Glyzinie herauslöst und (vom Licht ungehindert) wie in einer heimlichen Weiterleitung von Teilchen zu Teilchen der Myriaden von Elementen der Dunkelheit dieses Zimmer durchdringt? Das ist die Substanz der Erinnerung – Gefühl, Gesicht, Geruch: die Muskeln, mit denen wir sehen, hören und fühlen – nicht Bewusstsein, nicht Denken: So etwas wie Gedächtnis gibt es nicht: Das Gehirn entsinnt sich nur dessen, wonach die Muskeln greifen: nicht mehr, nicht weniger: Und was dabei herauskommt, ist normalerweise ungenau und falsch und verdient nur die Bezeichnung Traum.”

“ERINNERUNG II Kind an der Hand wartete ich am Bahnhof auf deine Heimkehr entdeckte dich in der Menge der Menschen und winkte die kleine Straße die wir drei gingen duftete süß nach Osmanthusblüten und aus einem Haus erklang ein Lied aus dem Radio wie es dem Bahnhof und der kleinen Straße wohl geht?”

“Einen Moment lang hielt ihn das Ächzen der Schränke auf, das mitleiderregend war, ähnlich einem weinerlichen Geigenton, und zugleich boshaft, wie er es aus der Kindheit in Erinnerung hatte. Jetzt aber, als er es zum ersten Mal von so Nahem hörte, ergriff die Klage des Möbelstücks machtvoll Nathans Körper, nahm ihn in einer klebrigen Umarmung gefangen, ehe sie ihn schüttelte und losließ, er selbst aber geriet ins Wanken, klammerte sich an die Regalbretter. Der in der Kleidung eingesperrte Geruch eines weiblichen Körpers stieg ihm in die Nase, vermischt mit dem Duft bitteren Rosenöls, das Mordka sich zur Vorbeugung von Asthma-Anfällen in die Schläfen einmassiert hatte.”

“behalte den flug im gedächtnis ob schnee lag. ob uniformierte patroullierten. ob es morgen war oder abend. ob viele taschentücher aufgebraucht wurden. ob ich müde war. ob über- haupt jemand an der absperrung stand. ob die luft anders roch als sonst. ob die grenzer am flughafen nett waren oder bedrohlich. ob wir gefrühstückt hatten an diesem tag. ob ich ein buch im handgepäck hatte. ob ich mich von irgendjemandem verabschie- det habe. ob die sonne schien. ob ich angst hatte. ob ich einen fensterplatz oder einen am gang hatte. ob ich den berg in wahrheit überhaupt sehen konnte. ob die geschwister quengelig waren. ob wir abends irgendjemandem bescheid gegeben haben. ob ich verstand, warum die frau ständig von heimat sprach. ob ich ahnte, dass der mann nicht ahnte, dass es für immer war. ob ich vorher noch einmal durch den garten gegangen bin. ob jemand die tür hinter uns schloss. ob ich mich noch einmal umgedreht habe.”