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Emanio - Der Schöne und das Biest

Book by Nicole Gozdek · 28 quotes · Emanio, Lerio, Fluch

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Emanio - Der Schöne und das Biest Quotes

“Lerios Atem stockte, als er das gewaltige Biest entdeckte. Es war schwarz wie die Nacht. Vermutlich reichte ihm das Tier bis zum Kinn und war dreimal so lang wie er. Die scharfen Krallen glänzten im Licht der Morgensonne und die Ohren waren angelegt, um die empfindlichen Gehörgänge gegen das laute Geschrei zu schützen. Im leicht geöffneten Maul konnte er spitze Reißzähne entdecken, die Augen darüber leuchteten wie vor Magie und der lange Schwanz peitschte aufgeregt hin und her. Auch wenn er noch nie einen gesehen hatte, wusste Lerio sofort, dass er einen wunderschönen schwarzen Panther vor sich hatte. »Majestätisch!«, hauchte er bewundernd.”

“»Versuch, mehr im Einklang mit deinem Körper zu sein! Nutz deine Sinne! Was spürst du unter deinen Pfoten? Erde, Gras, Zweige? Was riechst du abgesehen von den beiden Wachen in unserer Nähe? Welche Tiere befinden sich mit uns auf dieser Lichtung und welche in den Bäumen hinter uns? Verlass dich nicht nur auf deine Augen und deine Ohren! Du bist kein normaler Mensch mehr, deine Sinne sind so viel mehr als diese zwei. Nutze sie! Entdecke deinen Instinkt! Was spürst du?«”

“Doch dieses Mal war Lerio nicht schnell genug. Er hatte losgelassen und zwei Schritte gemacht, als der Panther schon herumgewirbelt war und sich auf ihn gestürzt hatte. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, als die viel größere Raubkatze ihn halb unter sich begrub und ihm die Zähne in den Nacken presste. Warmer Atem strich über seinen Hals und Lerio erstarrte.”

“»Halt! Nicht schießen!«, rief plötzlich einer der Gehilfen des Jagdmeisters laut. »Das ist ein Gestaltwandler!« Die übrigen Mitglieder der Jagdgesellschaft fingen an zu murmeln. Er sah, wie sie abwechselnd ihn, Kudonio und Akurio anstarrten. Doch der Jagdmeister ließ sich von ihrer Verunsicherung nicht erschüttern, sondern kam langsam auf ihn zu. Der Herzogssohn jedoch wirkte genauso verdutzt wie der Rest der Jagdgesellschaft. »Ein Gestaltwandler? Ist das wahr? Wer bist du? Sprich!«, forderte Akurio. Der Blick Kudonios wanderte über das Muster seines Fells, erfasste jedes Detail und mit einem mulmigen Gefühl im Magen ahnte er, was jetzt kommen würde. »Das ist Lerio. Der Hässliche«, verkündete der Jagdmeister laut und das Gewisper der anderen verstummte für einen kurzen Moment, bevor es zu aufgeregtem Geraune wurde. Dann begannen die Ersten zu lachen.”

“Er spürte, dass der Panther ihn verwirrt anstarrte. »Das stimmt nicht! Wir sind Freunde!« Die Worte waren ihm so vertraut, dass Lerio nicht anders konnte, als ein verbittertes Lachen auszustoßen. »Weißt du, wie häufig ich das als Kind gehört habe, wenn meine Familie versucht hat, sich in einem neuen Dorf anzusiedeln? Meine Geschwister waren noch nicht geboren, es war ein einsames Leben, immer so unterwegs und ohne andere Kinder zum Spielen. Doch jedes Mal, wenn ich unser Familiengeheimnis verraten habe, hat sich das Verhalten der Menschen um uns herum verändert. Zunächst fanden die Mädchen und Jungen es noch aufregend, dass ich ein Gestaltwandler bin, und haben mich gedrängt, es ihnen vorzuführen. Doch sobald sie ihren Eltern oder älteren Geschwistern erzählt haben, dass sie einen sprechenden Luchsjungen getroffen haben, fingen die Probleme an. Die Leute haben uns als Tiermenschen beschimpft, vor uns ausgespuckt, wenn wir auf der Straße an ihnen vorbeigingen, unsere Hütte mit Steinen beworfen, uns bestohlen und alles getan, um uns das Leben schwer zu machen. Ich durfte nicht mehr mit den Kindern spielen, die noch am Vortag behauptet hatten, meine Freunde zu sein. Mehr als einer von ihnen hat mich anschließend ebenfalls bespuckt und verhöhnt. Nein, es ist besser, wenn die Menschen unser Geheimnis nicht erfahren.«”

“Der Nebel verdichtete sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Schon jetzt erkannte er niemanden mehr außer seinen Wachen, die Häuser und Menschen in den Straßen hatte die graue Wand bereits verschluckt. Ebenso schien sie die Geräusche zu dämpfen, denn er hörte nichts mehr, keine Rufe und keine menschlichen Stimmen, nur noch das gedämpfte Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster. Er schaute nach rechts und links. Die Reiter schienen sich dort nur noch als Schatten zu bewegen. Das war doch einfach unmöglich … Emanio schaute nach vorn – und blickte auf eine undurchdringliche, wabernde Nebelwand. Er warf einen Blick nach hinten, drehte sich im Kreis. Fort! Sie waren alle fort! Weder hörte noch sah er einen einzigen Wachmann. Hier ging etwas vor sich, etwas Unnatürliches. Magie? War er von einem Zauber umgeben?”

“Jeder wusste, dass sich in der Königsfamilie und in den Blutlinien der Herzöge und Herzoginnen eine Magie vererbte, die man Herrschaftsmagie nannte. Doch was das für eine Magie war und was das bedeutete, das wusste die einfache Bevölkerung nicht. Vielleicht musste man die Zaubererakademie besucht haben oder ein Adliger sein, um über die verschiedenen Arten von Magie aufgeklärt zu werden. Etwas, was ihm als Gestaltwandler trotz seiner ihm innewohnenden Magie stets verwehrt bleiben würde.”

“Verwirrt hielt er still. Sie kam ihm vertraut vor, als würde er sie schon lange kennen. Instinktiv wusste er, dass er ihr vertrauen konnte, dass sie ihm mit ihrer Magie helfen wollte. Ihr Zauber schlüpfte unter seinen Schilden hindurch, als seien sie gar nicht da, als seien sie nicht dazu gemacht, Porelle aufzuhalten. Warum kam sie ihm so bekannt vor? Hatten die Götter sie möglicherweise als seine wahre Liebe vorgesehen?”

“Emanio und ich sollen was sein? Freunde? Er starrte seine jüngste Schwester einen langen Moment an, bevor er sich wieder fing. »Wie kommst du darauf, dass wir Freunde seien?« Es war absurd. Dabei mochte er den Herzogssohn nicht einmal! In Ordnung, vielleicht mochte er Emanio ein bisschen, seitdem er ihn kennengelernt hatte. Aber Freunde?”

“Sie lächelte, beinahe traurig, und der Anblick versetzte Lerio einen Stich. Es war seine Schuld, dass sich seine Schwester keine Hoffnungen auf eine Ehe erlaubte. Er wusste, was sie über ihn erzählten. Viele hielten sein zerstörtes Auge und die schrecklichen Narben in seinem Gesicht für eine Missbildung oder die Folgen einer Krankheit, also etwas Erbliches, das seine Schwestern und er an ihre Kinder weitergeben konnten. Dabei war es eine Verletzung gewesen, die sein Gesicht und all seine Aussichten auf Glück, auf Liebe und einen Partner zerstört hatte.”

“»Seht! Dort ist der Schöne!« »Eure Hoheit!« »Schaut hierher, Eure Durchlaucht!« Emanio unterdrückte ein Augenrollen. Er wünschte sich, sie würden aufhören, ihn den Schönen zu nennen, doch er hatte mit seinen Bitten, dies zu unterlassen, nur kurzzeitig Erfolg gehabt. Winkend schenkte er den Bewohnern von Rius ein leichtes Lächeln und ein lautes Kreischen antwortete ihm, als die Menschen nun auf die Kutsche zu drängten.”

“Unwillkürlich musste er schmunzeln, als die kleine Wildkatze, die nicht einmal halb so groß war wie er, jetzt wütend fauchend vor ihm stand und ihm die Leviten las. »Lachst du über mich?« Der Luchs hielt inne und starrte ihn misstrauisch an. Dann fauchte er erneut. »Stumpfkralle! Du solltest ohne Aufsicht nicht im Wald unterwegs sein!« Stumpfkralle? Irgendwie war es niedlich, wie wütend und besorgt sich der Luchs aufführte.”

“Emanio zuckte schuldbewusst zusammen, als er sich an seine Pflichten erinnerte. Die Stunden, die er mit dem Luchs verbracht hatte, waren die glücklichsten seit seiner Verwandlung gewesen. Ihm war es gelungen, alle Sorgen und Gedanken an den Fluch, den Attentäter und die Hexe zu vergessen. Doch seine Feinde verschwanden nicht, nur weil er nicht an sie dachte. Ich bin dumm gewesen. Leichtsinnig.”